Leben und Tod: Der Lebenszyklus eines Unternehmens

Es wird uns leider alle einmal erwischen. Aber wenn es dieses Gesetz von Leben und Sterben schon bei uns Lebewesen gibt — gilt dieser Zyklus eigentlich auch für Unternehmen? ‚Lebt‘ ein Unternehmen ewig? Wächst es für immer? Gibt es bestimmte Zyklen, die ein Unternehmen durchläuft? Das wollen wir uns in diesem Beitrag näher ansehen.

Das erste Mal bin ich auf das Thema gestoßen, als ich das Buch Führung durch Motivation* gelesen habe. Dort wurde ein Diagramm vorgestellt, das den Lebensprozess einer Organisation darstellt — ziemlich interessant, denn zuvor hatte ich mir darüber noch gar keine Gedanken gemacht! Dabei haben diese Prozesse sehr viel mit den biologischen Prozessen gemeinsam: Die Organisation / das Unternehmen wird geboren und wächst. Und irgendwann ist der Höhepunkt erreicht. Dann schrumpft es wieder — und stirbt vielleicht gar. Dabei ist die Frage vor allem: Muss dieses Sterben eigentlich sein? Theoretisch könnte eine Organisation ja ewig leben. Und einige Betriebe gibt es schon seit mehr als tausend Jahren:

Die ältesten Unternehmen der Welt

Eines der ältesten Unternehmen der Welt ist das japanische Hotel Nisiyama Onsen Keiukan, das sich seit 52 Generationen in Familienhand befindet! Eröffnet wurde es im Jahr 705 und wird noch heute betrieben. Nur hundert Jahre später folgt ein Restaurant in Österreich, nämlich der Stiftskeller St. Peter in Salzburg, das im Jahr 803 gegründet wurde. Auf dem dritten Platz findet sich eine irische Bar, die im Jahr 900 eröffnet wurde, das Luain’s Inn (heute Sean’s Bar). Es gibt noch einige mehr. Auch im DAX und Dow Jones finden sich einige Unternehmen, die Jahrhunderte alt sind, zum Beispiel das Unternehmen Merck, dessen Wurzeln bis ins 17. Jahrhundert reichen. Das Alles ist schon ein gutes Indiz; wir sehen, Unternehmen können Generationen überleben und sogar Jahrtausende, wenn man’s richtig macht. Aber was führt eigentlich zu einer hohen Langlebigkeit eines Unternehmens?

 

Geburt und Wachstum

Am Anfang eines jeden Unternehmens steht der Vater oder die Mutter sozusagen, und das ist der Visionär. Er hat eine realistische Idee, experimentiert mit ihr, legt seinen Fokus idealerweise auf die Befriedigung der Kundenwünsche und zeigt trotz aller Risiken ein dauerhaftes Engagement. Dabei sind Entschlossenheit und eine positive Einstellung essentiell … und schnell wird der Visionär zum handfesten Existenzgründer. Es gibt in solchen Organisationen keine Hierarchie, wenig Grundsätze, kaum Systeme, der Gründer steht vor immer neuen Problemen, die mit harter Arbeit (24 Stunden, 7 Tage die Woche) gelöst werden müssen. In dieser Phase sollte Perfektionismus strikt vermieden werden, da sie hinderlich sein kann. Die Organisation muss in erster Linie die Funktionen erfüllen, erste Kunden akquirieren und erste Ergebnisse erzielen.

Sobald das läuft, spricht man vom „Kind“-Stadium des Unternehmens. Es gibt von nun an eine kurz- und langfristige Ergebnisorientierung und die Organisation muss notwendige Zentralisierungen umsetzen. Erste Systeme sind bereits etabliert. Allerdings gibt es hier noch überlappende Aufgaben der Mitarbeiter, eine geringe Liquidität, ein kleines Mindestmaß an Regeln und Grundsätzen.

Was dann kommt, kennen wir alle, und zwar die Pubertät 😉 Hier existieren schon gute Kernprozesse, der Cashflow steigt, wobei der Reingewinn noch klein ist. Langsam kommen auch Konflikte in der Belegschaft zusammen und die Organisation findet idealerweise Unterstützung durch Berater und Coaches. Im besten Fall wird hier angefangen, erfahrenes Personal einzustellen, Investitionen und Personalentwicklung zu fördern, sowie die Abläufe weiter zu systematisieren.

Und dann kommen die Manager …

Wenn die Ergebnisse stimmen und funktionsgerechte Systeme und Strukturen aufgebaut sind, droht die Gefahr der Selbstgefälligkeit. Und ab hier beginnt der Alterungsprozess. Die Flexibilität wird verringert und Risiko wird gescheut. Erlöse und Konsum für eigene Zwecke werden wichtiger, als das erwirtschaftete Geld in neue Projekte und Ideen zu packen. Treue Mitarbeiter werden belohnt, es gibt großes Vertrauen in die Produkte. In dieser Phase ist es vor allem wichtig, Demut zu zeigen und trotz der Selbstgefälligkeit Vision, Mut und Innovation zu praktizieren, damit der Alterungsprozess verzögert werden kann.

Auf die Manager folgt die Eminenz und dann der Bürokrat. Der Fokus wird mehr auf den Shareholder gelegt, die Systematisierung zeigt volles Potential, man schweigt über aktuelle Probleme und die Form wird wichtiger als die Funktion. Wenn der Bürokrat das Unternehmen in seinen Griffeln hält, ist jegliche Kundenorientierung erloschen, Spitzenkräfte fliehen vor den internen Schlammschlachten und den drohenden Entlassungen. Kann das Unternehmen diese Probleme nicht beseitigen / abmildern, droht das Verwaltungsstadium, wo rege Angst vor Innovation und Veränderungen herrschen. Der Fokus liegt dann auf starren Hierarchien, Vorschriften und fehlender Liquidität für Innovationen. Das Unternehmen beginnt zu sterben. Staatliche Zuschüsse helfen nur kurze Zeit, bis der Insolvenzverwalter auftaucht und den Todeszeitpunkt der Organisation feststellt. (Alternatives Ende: Das Unternehmen wird aufgekauft.)

Tod und Leben

Hier wird vor allem eines deutlich: fehlende Innovation und ausufernde Bürokratisierung lassen ein Unternehmen schneller altern und letztlich sterben. Man kann den Alterungsprozess aufhalten, in dem die Organisation strikt mit der Zeit geht („Wer nicht mit der Zeit geht, geht mit der Zeit“) und neue Innovationen vorantreibt. Viele Branchen sind dabei durch die Konkurrenz dazu gezwungen. Das sehen wir dieser Tage ganz deutlich in der Automobilbranche, wo amerikanische Unternehmen tonangebend zu sein scheinen und die Deutschen notgedrungen mitziehen. Ich finde, hier wird auch die Selbstgefälligkeit schön sichtbar. Man will sich für immer auf den Leistungen des letzten Jahrhunderts ausruhen und versucht Probleme klein zureden. Mario Herger bloggt über die Zukunft der Automobilbranche und dem Straucheln der Deutschen dabei:

https://derletztefuehrerscheinneuling.com

 

Es ist unvermeidlich

Dabei ist der Alterungsprozess bei Organisationen nicht verwunderlich. Der Entrepreneur, der am Anfang stand, hat das mit dem Ziel gemacht, einen Mehrwert zu schaffen. Dieser Visionär/Gründer wird mit der Zeit auch älter. Die Tatkraft nimmt ab und andere Aspekte im Leben rücken ins Visier, besonders, weil man jetzt abartig reich geworden ist. Es stehen einem alle Türen offen und das wird man auch nutzen, denke ich. Dieser Mensch wird nicht dreißig, vierzig Jahre mit demselben „Drive“ dabei sein, sondern sich irgendwann aus der Organisation zurückziehen. Ab hier beginnt das Altern. Studenten, die strikte Hierarchien und Frontalunterricht gewöhnt sind, kommen in die Organisationen und wollen die Karriereleiter aufsteigen. Sie sind unerfahren, risikoscheu und  arbeiten in erster Linie für ihren Vorgesetzten. Der Kunde rückt in den Hintergrund. Und so nimmt die Spirale ihren Lauf … ABER HALT … Was ist denn das?

Der Elefant und die Machete

Wenn eine Organisation so groß geworden ist, dass sie die Kundenorientierung verliert, passiert etwas Magisches. Die Investoren kommen angekrochen. Sie stehen mit ihrer Machete neben dem Elefanten und wollen Renditen sehen. Sie schlagen den Elefanten, sie schreien ihn an und wenn er nicht liefert, sind sie schnell weg. Und der Elefant? Er ist so träge und groß und langsam geworden, dass Innovation immer schwieriger wird. Große Systeme mögen sich zwar bewährt haben, aber ihnen fehlt es an etwas ganz Entscheidendem: der nötigen Flexibilität und Risikofreudigkeit. Eine Fliege (ein kleines, flexibles Unternehmen) schwirrt um den Elefanten umher und nervt ihn. Und nervt ihn. Und nervt.

Und dann ist da auch noch der Typ mit der Machete und verprügelt einen. Der Koloss weiß sich nicht anders zu helfen, als die Fliegen zu schlucken und so sein Wachstum zu beschleunigen.

Und das ist, was Konzerne machen: Sie kaufen ständig kleinere Unternehmen auf und wachsen vor allem auf diese Weise. Wir können es bei Microsoft (GitHub, …), Walt Disney und Amazon beobachten. Und das ist ein großer Segen für all die kleinen Fliegen da draußen und auch eines der Ziele der meisten Entrepreneure: Der Liquidationsprozess an einen Koloss, den die Investoren mit ihrer Machete verprügeln.

Die irrationale Angst vor den Konzernen

Oft liest man von der Angst vor Monopolen oder zu mächtigen oder großen Strukturen. Wenn man sich aber den Lebenszyklus anschaut, dann wirkt alles weniger bedrohlich. Große LKWs haben andere Probleme als ein kleiner PKW: Sie tragen höhere Verantwortung, denn wechseln sie zu schnell die Spur, kann es sein, dass sie umkippen. Es mangelt ihnen an Risikofreudigkeit und Flexibilität. Die Organisation ist so gigantisch, dass schnelles Reagieren viel Zeit benötigt. Sie sind der Honigtopf für all die Universitätsabsolventen, die ihre Jugend für ein Einser-Zeugnis opferten und hierarchisches Denken gewöhnt sind. Und diese Risikoscheue, Erwartungshaltung und strikte Hierarchie findet Einzug ins Unternehmen, was Wachstum noch schwieriger macht.

Deswegen werden Menschen, die Neues vorantreiben, die Visionäre sind und neue Existenzen gründen für immer wichtig bleiben. Ein Weltkonzern wird niemals diese Stellung für immer einnehmen. Vielleicht für ein paar Jahre. Oder auch eine Dekade oder auch mal zwei. Aber trotzdem bleibt diese Stellung endlich. Und das ist der Grund, weshalb man vor solchen gigantischen Strukturen keine Angst haben muss. Im Gegenteil — je größer, desto inflexibler, desto ungefährlicher.

Der kleine PKW wiederum kann viel schneller reagieren. Er kann schneller die Spuren wechseln und trägt weniger Verantwortung (z.B. für Mitarbeiter). Und weil gerade diese neuen Unternehmen Innovation vorantreiben, und die „Großen“ zwingen mitzuziehen, wird man sie immer brauchen. Heute und in hundert Jahren.

Der „sichere“ Arbeitsplatz

Der Maschinist hat vor nicht allzu langer Zeit einen schönen Artikel verfasst: Wann geht Dein Arbeitgeber endlich pleite? Dort beschreibt er sehr gut, dass die Prozesse in großen Unternehmen so ineffizient, energie- und zeitraubend sind, dass engagierten Mitarbeitern schnell der Gar ausgemacht wird. Die individuelle Leistung versickert nämlich, unnötige Machtspielchen zeichnen sich ab, es gibt innerliche Kündigungen und der Enthusiasmus wird erstickt. Das Vorbringen von neuen Ideen kann sogar mit Sanktionen, Missmut und Ablehnung geahndet werden, weshalb sich viele Angestellte scheuen, sie vorzutragen. Die Organisation wird von Managern und Bürokraten beherrscht, die lieber auf der sicheren Seite spielen und einer täglichen Routine nachgehen.

Deswegen ist es gefährlich und fahrlässig, als (sehr) guter Absolvent in solche Strukturen einzuziehen und dann Dekaden bleiben zu wollen. Mit der Illusion, da passiert schon nichts.

Einige Firmen legen besonderen Wert darauf, vor allem junge Leute einzustellen. Auch das wird als Vehikel gesehen, um die Innovationskraft am Laufen zu halten. Und das ist die bittere Realität, die man sich stets vor Augen halten sollte. Es ist wirklich wichtig, dass man sich nicht 100% auf den Arbeitgeber stützt und fürs Alter vorsorgt!!

Das kann nicht oft genug betont werden!

Fazit

Ein Unternehmen oder eine Organisation altert und zeigt bestimmte Lebensphasen, die dem eines Lebewesens nicht ganz unähnlich sind. Es geht vom Geburtshaus in den Kindergarten und dann in die Pubertät. Und dann beginnt das Erwachsenenleben. In der Organisation ist das der Moment, in dem Manager und Bürokraten das Steuer übernehmen. Hier muss Verantwortung für Mitarbeiter praktiziert werden, weswegen der Fokus auf erhöhter Sicherheit liegt. Die Stakeholder wachsen, denn die Investoren kommen angekrochen und wollen befriedigt werden. Und wenn man groß genug ist, beäugt einen die Öffentlichkeit mit Argusaugen. Der Kunde, als wichtigster Stakeholder, rückt leider in den Hintergrund. Machtspielchen, interne Probleme und Risikoscheue beschleunigen das Altern. Wenn die Organisation von solchen Problemen überwältigt wird und keine Innovation vorantreibt, wird sie zwangsläufig untergehen und sterben. Im freien Markt ist es wegen dieses Alterungsprozesses unwahrscheinlich, dass ein Konzern für lange, lange Zeit einen marktbeherrschenden Status inne hat.

Diese Informationen sind vor allem in Manager-Lektüre zu finden. Dort werden ausführlich Strategien besprochen, wie man jeweils in welcher Phase agieren sollte. Heißt also: Gute Manager wissen (theoretisch), was zu tun ist, um den Laden auch weiterhin lebensfähig zu halten 😉

Ansonsten denke ich, ist dieses Wissen auch als Investor wichtig. Man sollte abchecken, in welcher Lebensphase das Unternehmen steckt, in das man investiert. Man sollte auch immer ein Auge auf die Innovationskraft des Unternehmens werfen! Für ein gutes Beispiel halte ich IBM. Es ist ein altes Unternehmen, das mit Watson und Olli auf der Höhe der Zeit agiert. Ein gutes Indiz ist auch, wenn der Entrepreneur des Unternehmens noch mitmischt. Denn das heißt, hier sitzt jemand, dem die Organisation am Herzen liegt und der Risikobereitschaft bereits erfolgreich in die Praxis umgesetzt hat. Das zögert das Altern hinaus.

Und am Ende wird vor allem Eines deutlich …

Demut hält jung. 

Habt ihr schon einmal darauf geachtet, in was für einer Lebensphase sich eure Unternehmen (oder gar euer Arbeitgeber) befinden? Für wie wichtig haltet ihr es?

 

Ich wünsche eine schöne & erfolgreiche Woche!

Anna

 

Quellen: [1] Die 10 ältesten Unternehmen der Welt [2] Business-Wissen Lebenszyklus: Die Wachstumsphasen eines Unternehmens  [3] QZ-Online Lebenszyklus einer Organisation  [4] Führung durch Motivation: Mitarbeiter für die Ziele des Unternehmens gewinnen* [5] How To Get Rich* von Felix Dennis

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